Markus Hiereth
Günzenhausen, Am Hang 14
85386 Eching

Herrn
Hans-Ulrich Pfaffmann
Maximilianeum
81627 München

Günzenhausen, den 20. September 2011

Sehr geehrter Herr Abgeordneter Pfaffmann,

nach Veröffentlichung des Planfeststellungsbeschlusses für eine 3. Startbahn am Münchner Flughafen gaben Sie am 28. Juli 2011 in der Radiowelt am Morgen auf Bayern 2 ein Interview. Gefragt nach der Haltung der SPD München verknüpften Sie die Zustimmung zum Projekt an folgende Bedingungen:

In Hinblick auf die Fakten halte ich diese in den Raum gestellten Bedingungen für inhaltsleer, ...

  1. schließlich sind Stadt München, Freistaat Bayern und die Bundesrepublik Deutschland Eigentümer der Flughafengesellschaft (FMG). Wenn diese von privaten Geldgebern Kredite nimmt, können die Gesellschafter der Rolle eines Bürgen definitiv nicht entkommen.
    Dass potentielle Geldgeber an den Steuerzahler als letzte Sicherheit denken, erweist sich obendrein daran, dass die FMG die Mittel für die Startbahn zu jenen günstigen Konditionen erhalten möchte, die normalerweise öffentlichen Gebietskörperschaften eingeräumt werden.
  2. zudem steht nach wie vor die Rückzahlung von mehr als zwanzig Jahre alten Darlehen der Flughafengesellschaft bei ihren Gesellschaftern aus. Aktuell sind dies knapp eine halbe Milliarde Euro. Die Kosten für eine dritte Piste werden mit einer Milliarde angegeben. Man könnte also in den Raum stellen, dass von den beiden existierenden Bahnen die zweite bis dato nur halb bezahlt ist. Im Übrigen bräuchte die FMG zum Abtragen der genannten Schulden - sie wies in neueren Bilanzen Gewinne von rund 100 Millionen Euro aus - bei günstigem Verlauf bis zum Jahr 2016.
    Man beachte, dass ein Nichtzurückzahlen unverzinster Darlehen der öffentlichen Hand und die gleichzeitige Aufnahme verzinster Darlehen bei Dritten eine stille - und vermeintlich elegante Form - des Subventionsbezugs darstellt. Genau, was die SPD München abzulehnen vorgibt.

Schließlich möchte ich zur Wirtschaftlichkeit der 3. Startbahn auf einen Diskussionsbeitrag des früheren Leiters des Betriebsbüros der Deutschen Flugsicherung am Münchner Flughafen, Dieter Flatau hinweisen. Er erklärt darin, dass mit dem Bau einer 3. Startbahn überhaupt nicht die Kapazität von 2+1 Startbahnen erreicht wird: Denn der entsprechende Luftraum ist nicht erweiterbar, Einflug- und Abflugsektoren müssten mithin enger zugeschnitten werden. Beim Betrieb einer dritten Bahn wird es aus Sicherheitsgründen nötig, die Flugbewegungen auf allen Bahnen aufeinander abzustimmen und hieraus folgt eine Minderung der Kapazität auf den zwei vorhandenen Pisten. Des weiteren stellt sich ihm die Frage, was es soll, dass überall in Deutschland Flughäfen im Ausbau begriffen sind und untereinander - eine von den verantwortlichen Politikern häufig unterstützte - Konkurrenz veranstalten. Von der Politik jedoch fordert Dieter Flatau das Gegenteil, nämlich das ordnende Eingreifen, Koordination.

  1. Wie stehen Sie und Ihre Partei zur deutschland- und übernationalen Konkurrenz der Flughäfen?
  2. zur Antwort
  3. Wie beurteilen Sie, dass eine Bahnfahrkarte München - Berlin mit rund 20 Euro Umsatzsteuer belegt ist, für ein Flugticket aber keine solche Steuer, sondern nur 8 Euro Luftverkehrsabgabe abzuführen sind? Auf den innerdeutschen Verkehr entfällt übrigens ein Viertel des Passagieraufkommens am Flughafen München.
  4. Welche Argumente können Sie anführen, die weiterhin eine Steuerbefreiung für Flugbenzin rechtfertigen?
  5. Halten Sie einen permanente Steigerung des Flugverkehrs für vereinbar mit den Klimaschutz-Zielen, zu welchen sich deutsche Politiker fast aller Couleur bekennen?

Wegen der Punkte 1 und 2 habe ich versucht, Ihre Telefonsprechstunde von 19.9.2011 als Gesprächsmöglichkeit zu nutzen. Ihre Mitarbeiterin signalisierte, dass diese Sprechstunde nur für Bürger Ihres Stimmkreises gedacht sei. Tatsächlich erfolgte kein Rückruf unter der hinterlassenen Telefonnummer.

Ich sehe mich daher genötigt, Sie auf diesem schriftlichen Wege aufzufordern, die in 1 und 2 angeschnittenen Eckpunkte der Münchner SPD zur Startbahnfinanzierung zu erläutern. Des weiteren bitte ich um Antwort auf Fragen 3 bis 6. Ich werde meine Fragen mittels Internet veröffentlichen und werde dies auch mit Ihren Ausführungen so halten.

Abschließend sei angemerkt, dass ich keineswegs Betroffener einer Flughafenerweiterung bin. Mein Wohnort liegt bereits in einem Flugkorridor, nämlich dem der südlichen Start- und Landebahn.

Mit freundlichen Grüßen
Markus Hiereth


Antwort von Hans-Ulrich Pfaffmann

04.10.2011

Sehr geehrter Herr Hiereth,

vielen Dank für Ihre Anfrage, die ich folgendermaßen beantworten möchte:

Antwort auf Frage 1:
Die FMG hat zugesichert, dass die Finanzierung ohne Steuergelder zu stemmen ist. Alle Gesellschafter sind sich in der Frage einig, dass keine finanziellen Mittel der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellt werden und folgedessen auch keine Bürgschaften oder ähnliches anfallen. Der Flughafen wird den Gesellschaftern zeitnah vor dem Baubeginn das endgültige Finanzierungskonzept vorlegen, erst dann wird auf dessen Basis über den Bau entschieden. Sollen die Gesellschafter der Meinung sein, dass der Bau das Unternehmen in eine wirtschaftlich "ungesunde" Lage bringen und damit die Gefahr bestehen könnte, dass die FMG die Kredite nicht mehr bedienen könnte, so wird dem Bau nicht zugestimmt werden.

zu Frage 2

Antwort auf Frage 2:
Die Stadt München verzichtet mitnichten auf die Rückzahlung der Darlehen [1]. Mit Beschluss vom 16.12.2009 hat der Stadtrat dies ausdrücklich nochmals festgestellt. Die Umwandlung der Darlehen in Eigenkapital ist somit ausgeschlossen, aber überdies gar nicht mehr nötig, da der Flughafen diese zur Finanzierung des Baus der dritten Startbahn nicht benötigt. Im Übrigen werden die Darlehen seitens der FMG natürlich verzinst [2].

zu Frage 3

Antwort auf Frage 3:
Die Stärke des Raums Münchens als Wirtschaftsstandort beruht auf der Vielseitigkeit der Wirtschaftsstruktur, welche sich aus Unternehmen aus allen Branchen und Wirtschaftszweigen zusammensetzt, z.B. in Bereichen Umwelttechnologie, Wissenschaft und Forschung, Automobiltechnik, Finanz- und Medienwirtschaft sowie dem Tourismus als bedeutendem Wirtschaftsfaktor innerhalb des Dienstleistungssektors. Der Flughafen München ist ein wesentlicher Impulsgeber für den Wirtschaftsraum der Europäischen Metropolregion München [3]. Angesichts eines international weitgehend einheitlichen Infrastrukturniveaus bei industriell geprägten Wirtschaftsräumen ist die Luftverkehrsanbindung ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal von Regionen. Dies umso mehr, als die weltweite Vernetzung einen harten Wettbewerb um ansiedlungswillige bzw. expansionswillige Unternehmen bewirkt hat.

Anhand empirischer Untersuchungen wurde der wirtschaftliche Erfolg von Flughafenregionen nachgewiesen. Danach zeigt sich, dass das Einkommensniveau in Flughafenregionen höher liegt [4] als im jeweiligen Landesdurchschnitt. Ergänzend wurde festgestellt, dass sich das Niveau der Bruttowertschöpfung pro Kopf in den deutschen Flughafenregionen dynamischer als im nationalen Durchschnitt entwickelt.

Zur Erhaltung der genannten Standortvorteile ist die weitere Entwicklung der Drehkreuzfunktion des Flughafens München sinnvoll, um den Münchner und den bayerischen Wirtschaftsraum durch eine Vielzahl von Direktverbindungen mit allen wichtigen Metropolen und Zukunftsmärkten zu verbinden. Damit werden weiterhin die besten Voraussetzungen für ein nachhaltiges und Arbeitsplätze generierendes Wachstum geschaffen. Der Aufbau eines Luftverkehrsdrehkreuzes unterliegt komplexen Strukturen seitens der Luftverkehrsgesellschaften, so dass eine Verlagerung des Luftverkehrsaufkommens nicht ohne weiteres möglich ist.

zu Frage 4

Antwort auf Frage 4:
Im Unterschied zum Flugzeug ist die Bahn mit Mineralölsteuer belastet, d.h. beim Kerosin wird bislang keine Steuer fällig. Darüber hinaus ist der grenzüberschreitende Flugverkehr im Gegensatz zum Schienenpersonenfernverkehr auch von der Mehrwertsteuer befreit. Dies führt in der Tat zu einer Wettbewerbsverzerrung. So hat ein Fluggast auf einfacher Strecke von München nach Berlin gegenüber dem Bahnreisenden einen steuerlichen Vorteil von rund 25 Euro. Bei einer Bahnreise von Berlin nach Paris und zurück muss der Bahnkunde etwa 59 Euro Mehrwertsteuer entrichten, der Fluggast nicht. Es gab von Seiten der SPD bereits zahlreiche parlamentarische Initiativen, diese Ungleichbehandlungen zu beseitigen und für gleiche Wettbewerbsbedingungen für den Flug- und Schienenverkehr zu sorgen. Zum einen indem auch Flugbenzin mit einer Mineralöl- bzw. Kerosinsteuer belegt wird. Außerdem soll auf Flugreisen ins Ausland Mehrwertsteuer fällig werden. Dafür sollen Bahnreisende entlastet werden, indem der Mehrwertsteuersatz auf Fernverkehrstickets der Bahn reduziert wird. Ein erster Anlauf der Rot-Grünen Bundesregierung zum Abbau der Steuersubventionen im Flugverkehr war 2003 am Widerstand der Unionsmehrheit im Bundesrat gescheitert. Auch die SPD-Landtagsfraktion spricht sich seit Jahren für die Besteuerung von Flugbenzin aus, nötigenfalls auch im nationalen Alleingang.

zu Frage 5

Antwort auf Frage 5:
Nichts.

zu Frage 6

Antwort auf Frage 6:
Wenn o.g. Ungleichbehandlung von Flug- und Bahnverkehr beseitigt wäre, würde bereits der verkehrliche Wettbewerb zu einer Regulierung führen und dafür sorgen, dass Flugreisen nicht überproportional zunähmen. Die Bedeutung des Münchner Flughafens für die Region München ist davon unbenommen. 10-Euro-Billigurlaubsflüge sind allerdings ökonomisch wie ökologisch und im Interesse der Allgemeinheit schlicht unverantwortlich und mit unseren Klimaschutzzielen unvereinbar.

Zur Ihrer Anmerkung am Ende der Fragen: Tatsächlich ist meine 14-tägige Telefonsprechstunde in erster Linie als Kontaktmöglichkeit für Bürgerinnen und Bürger aus meinem Stimmkreis gedacht, da die Lage meines Büros leider keinen Publikumsverkehr zulässt. Umfassende Anfragen wie die Ihre würden dieses Angebot zeitlich "sprengen". Gerne beantworte ich aber solche Fragen, soweit es mir möglich ist, per E-Mail.

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Ulrich Pfaffmann


Hinweise von Markus Hiereth

1
Die Gesellschafter haben der Flughafen München Gesellschaft seit l993 Darlehen in Höhe von insgesamt 1276,2 Millionen Euro ausgezahlt. Diese wären an sich "nach Vermögens- und Ertragslage zu tilgen". Ein Termin dafür erscheint jedoch nirgendwo. Einem Dokument zur Stadtrats-Sitzung des 16.12.2009 (http://www.ris-muenchen.de/RII2/RII/DOK/SITZUNGSVORLAGE/1885745.pdf, Link leider nicht mehr aktuell) zufolge soll es Ende 2006 eine Teilrückzahlung in Höhe von 784,3 Mio Euro gegeben haben. (Laut Bayerischem Finanzministerium floß dieser Betrag den Gesellschaftern Bundesrepublik Deutschland, Freistaat Bayern und Landeshauptstadt München erst zwei Jahre später, Ende 2008 zu.) Mit dieser Teiltilgung verknüpft war das Einverständnis der Gesellschafter, dass die Flughafengesellschaft "zur Refinanzierung" an anderer Stelle 700 Millionen Euro neuer Schulden aufnimmt.
2
Dem gleichen Stadtratsdokument zufolge sind Zinsen nur dann zu erbringen, wenn diese aus Bilanzgewinnen der FMG abzudecken sind. So wurden der Landeshauptstadt im Jahr 2003 1,7 Mio und im Jahr 2009 10 Mio Zinsen gezahlt. Aber aufgrund "der finanziellen Belastungen aus dem Bau des Terminal 2 konnten zwischen 2003 und 2007 keine Bilanzgewinne erwirtschaftet werden." Mithin beanspruchte die FMG über die meiste Zeit zinslose Kredite und wird diese Praxis, indem sie expandiert, beibehalten wollen. In Realisierung beziehungsweise auf dem Wunschzettel stehen ein weiteres Abfertigungsgebäude und eben eine dritte Startbahn.
3
Kontrastierend dazu die Darlegungen Hans-Ulrich Pfaffmanns als Landtagskandidat am 22.9.2008: "Ich plädiere deshalb schon auch dafür, sehr genau zu prüfen, ob man diesen Weg wirklich gehen will und ob damit ein Mehrwert für die Region verbunden ist, oder ob der Ausbau des Flughafens nicht eher Selbstzweck für diesen ist." Vgl. www.abgeordnetenwatch.de/hans_ulrich_pfaffmann-120-16188--f140627.html#q140627
4
Kontrastierend dazu die Darlegungen Hans-Ulrich Pfaffmanns als Landtagskandidat am 22.9.2008: "Natürlich generiert der Flughafen Jobs, aber über deren Qualität kann man auch geteilter Meinung sein." Vgl. www.abgeordnetenwatch.de/hans_ulrich_pfaffmann-120-16188--f140627.html#q140627

Voranstehende Fragen und Antworten sind erschienen in der Themenrubrik "Verkehr und Infrastruktur" des Portals www.abgeordnetenwatch.de