Radio Lora, München
Markus Hiereth
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27.06.2012

AUSBAU DER WASSERKRAFTNUTZUNG
Auch angesichts neuer Bauformen hält Kontroverse um Energie-Nutzen und Umwelt-Schaden an

Sendungseröffnung

Die Katastrophe von Fukushima hat der Forderung nach einem Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland zu einer parlamentarischen Mehrheit verholfen. Zumindest verbal beschäftigen sich viele mit der "Energiewende" und fragen "Wie wird Strom von morgen erzeugt?" Dass fossile Energieträger die Probleme nur aufschieben und verlagern, weiß im Grunde jeder. Strom aus Sonne, Wind und Wasser klingt gut, doch auch die Nutzung regenerativer Energie stößt auf Vorbehalte: Landschaftsverschandelung, Schwankungen der Erzeugung, Eingriffe in Lebensräume. Genau letzteres trifft die Wasserkraft, die unsere Stromanbieter als "grünen Strom" eintüten. Die bayerische Staatsregierung hält den an Flüssen und Stauseen erzeugten Strom für umweltfreundlich und möchte seinen Anteil bis zum Jahr 2021 von 15 auf 17 Prozent erhöhen. Pro und Contra behandelt LORA München in der kommenden Stunde, wobei speziell von einem Kraftwerkstyp die Rede sein wird, der an der TU München entwickelt worden ist. Von daher verständlicherweise genießt er besondere Sympathien in der Politik und bei staatlichen Stellen. Zugleich möchten Naturschützer berechtigterweise wissen, inwiefern er besser sein sollte als der Jahrzehnte alte Kraftwerks-Bestand, der wesentlich dafür verantwortlich sein dürfte, dass 9 von 10 heimischen Fischarten auf der roten Liste stehen. Ein weiterer Grund, sich speziell mit diesem Typ, dem so genannten Schachtwasserkraftwerk zu befassen, ist, dass für ein solches beim Landratsamt Garmisch-Partenkirchen eine Genehmigung beantragt ist: Es geht um die Bau eines Pilotkraftwerkes in der Loisach, kurz vor ihrer Einmündung in den Kochelsee. Dies ist ein auch kommunal verfolgtes Vorhaben, so kommt im ersten Teil der Sendung der Bürgermeister der entsprechenden Gemeinde zu Wort. Die heiklen Fragen um die Wasserkraft-Nutzung tischt dann die für den Lebensraum Wasser zuständige Sprecherin des Bund Naturschutz auf und Gelegenheit zur Verteidigung erhält am Ende der Vater des Schachtwasserkraftwerkes. Als Redakteur am Mikrofon begrüßt Sie Markus Hiereth.
Paul Hardcastle - Desire

Die Loisach als Energiequelle für Großweil

Die Nutzung von Flüssen zur Stromerzeugung ist Thema dieser Stunde auf LORA München. Durch München fließt die Isar, mithin auch das Wasser der Loisach. In ihr möchte die Gemeinde Großweil ein Wasserkraftwerk neuen Typs betreiben. Dieses Vorhaben ließ ich mir von Manfred Sporer, Bürgermeister von Großweil darlegen. Meine erste Frage war, wie man auf das Schachtkraftwerks-Konzept gestoßen war.
ms0013 Zum einen muss man sagen, das Großweil schon länger damit liebäugelt, ein Wasserkraftwerk zu errichten, weil die Loisach zwischen den beiden Ortsteilen Großweil und Kleinweil durchfließt. Die ersten Versuche, ein Wasserkraftwerk zu beantragen, fielen ins Wasser, weil hier sowas nicht möglich war an der damals geplanten Örtlichkeit. ms0046 Und jetzt hat man erfahren, im Jahre 2006, dass in Großweil diese sogenannte Raue Rampe aus Wasserbausteinen, dass die nicht so durchlässig ist für Fische oder für Lebewesen im Wasser, wie es eigentlich erforderlich wäre, und zudem immer noch die Sorge mitbringt, dass Totholzanschwemmungen sich hier ansammeln und dann zu einer schlechteren Hochwassersituation führen könnten. ms0121 Man hat sich Gedanken gemacht, was man machen kann. Und in dem Zuge ist mir bekannt geworden, dass die TU München an einem Modellprojekt arbeitet, ein sogenanntes Wasser-Schachtkraftwerk zu planen. Und dieses Modell hatte ich Gelegenheit, das in der Versuchsanstalt zu besichtigen. Ich war beeindruckt und habe gesagt, das wäre doch etwas für die Loisach in Großweil. ms0159 Und so traten wir dann mit den maßgeblichen Herren der TU München in Kontakt. Die Kontaktaufna hme fand mehr oder weniger über den Herrn Sepp statt. Dazu kann ich noch hinzufügen, dass der Herr Albert Sepp ein Großweiler Gewächs ist. Und er von daher als Beschäftigter in der TU und als Projektant natürlich auch die Loisach als Fluss kennt und auch die Örtlichkeit; dass hier ein Höhenunterschied in der Loisach gegeben ist, wo so ein Wasserkraftwerk entstehen könnte. ms0251 Als wir da in Kontakt getreten sind, äußerte er die Meinung, dass das eine interessante Aufgabe wäre, das hier an der Loisach zur Ausführung zu bringen. mh0501 Und in der Gemeinde: Wie lief da die Diskussion? Gab es da verschiedene Lager? ms0508 Nachdem der erste Kontakt zwischen der TU München und der Gemeinde und zwei Kooperationspartnern, mit denen wir uns kurzgeschlossen haben, weil wir gesagt haben, "Alleine als Gemeinde können wir das nicht schultern", haben wir geschaut, was ist denn da als kompetente Firmen oder Behörden in der näheren Umgebung vorhanden, mit denen man so ein Projekt gemeinsam anpacken könnte. Dann haben wir zur unseren Kooperationspartnern, eben die Gemeindewerke Garmisch und den Kraftwerksbetreiber in Farchant, gewinnen können. ms0610 Als dieser Kontakt dann zustande kam, hat man das ganze im Gemeinderat bekannt gegeben und der gesamte Gemeinderat, ohne eine Gegenstimme, hat sich sofort positiv zu dieser Thematik geäußert: Das ist das, was wir in Zukunft wollen. ms0638 Und als wir das Ganze auch den Bürgern in einem Rundschreiben zur Kenntnis gegeben haben, ist auch von Bürgerseite uns immer wieder gesagt worden, "Bleibt an dieser Sache dran! Das ist eine Geschichte, da stehen wir alle voll dahinter" In der Gemeinde selber haben wir keinerlei negative Stimmungen erfahren. das ist eine Geschichte, negativen Stimmungen erfahren.
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Stand des Genehmigungsverfahrens

Ich, Markus Hiereth habe an einem regnerischen Dienstag für diese Sendung gearbeitet, indem ich über Kochel nach Großweil gefahren bin, wo ich mit Manfred Sporer, dem Bürgermeister verabredet war. Seine Gemeinde hat beim Landratsamt von Garmisch-Partenkirchen um Genehmigung für ein erstes Schachtkraftwerk ersucht. Vorangegangen sind informelle Kontakte mit Fischern, der unteren Naturschutzbehörde und der Fischereifachberatung. Deren Skepsis war unverkennbar ...
ms0912 ... deshalb haben wir uns mit auf den Weg gegeben dass wir gesagt haben: 'Wenn, dann wollen wir das im Vorfeld durch fundierte gutachterliche Äußerungen auch belegen, welche positiven und negativen Auswirkungen so ein Bauvorhaben auf den Fluss oder die Lebewesen haben könnte. Dass man eben mit Fachbeiträgen überzeugende Arbeit leisten kann und nicht ins Blaue irgendetwas lostritt und auf Fragen keine konkreten Antworten geben kann. mh1005 Und die Gutachten haben Sie jetzt? ms1007 Wir haben die Gutachten. Wir haben ein Umweltverträglichkeits-Gutachten, eine FFH-Verträglichkeitsstudie, einen Umweltbegleitplan sowie ein Fischereigutachten. Also vier verschiedene Gutachten, die wir eingeholt haben und die sind bei dem Antrag für wasserrechtliche Erlaubnis beigelegt worden. mh1042 Und in dem Stadium ist es jetzt. Der Antrag liegt jetzt wo? ms1049 Der Antrag befindet sich momentan bei der Genehmigungsbehörde im Landratsamt Garmisch-Partenkirchen, seit Ende Februar 2012. Dort ist die Beteiligung der Träger öffentlicher Belange eingeleitet worden; sprich, alle Fachbehörden werden dazu gehört. Zudem sind bei dieser Träger-Beteiligung alle privaten Grundstücksbesitzer entlang der Loisach im Bereich der Rauen Rampe informiert worden, so dass jeder, der Belange haben könnte, sich dazu äußern kann. Ob positiv oder negativ, das wird diese Öffentlichkeitsbeteiligung zeigen. mh1146 Wie lang dauert das Verfahren? ms1148 Die Auslegung läuft insgesamt vier Wochen, einen Monat, bis 4.7.2012 und die Anregungen können dann noch vierzehn Tage länger schriftlich bei der Gemeinde oder beim Landratsamt in Garmisch eingereicht werden. mh1214 Trotzdem gibt es einmal eine Entscheidung, wo ein Stempel drauf kommt. Ist das etwas, was im Herbst herauskommt oder im Frühjahr nächsten Jahres? ms1231 Sobald alle Anregungen, Einwände oder Mitteilungen beim Landratsamt vorliegen, werden sie diese Thematik abwägen und zu einem Ergebnis kommen. Unsere Hoffnung liegt natürlich darin. Ich selbst bin natürlich aufgrund der innovativen Geschichte fast überzeugt, dass wir hier eine Realisierungschance haben. Dass wir dann im Herbst ein Genehmigungsschreiben erhalten; ich hoffe es zumindest, dass das das Ergebnis sein wird. ms1312 Und falls das so ausgeht, wäre unsere Planung, dass wir sobald als möglich mit den ersten Bauarbeiten beginnen.

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Aufwand und Charakter des Vorhabens

mh1320 Sie haben von drei Betreibern gesprochen, die sich zusammentun: Ein Kraftwerksbetreiber in Farchant, die Gemeindewerke von Garmisch-Partenkirchen und die Gemeinde Großweil. ms1339 Richtig [...] in dieser Dreierpartnerschaft sollte das Projekt angegangen werden? mh1410 Wieviel kostet das? Wie teilt sich das auf? ms1413 Die genauen Kosten stehen noch nicht fest, aber grobe Schätzungen sind im Bereich von 3 bis 4 Millionen Euro [..] mh1452 Das ist jetzt unqualifiziert: Aber es kommt mir gar nicht so teuer vor. ms1500 Ja, man muss sich das Schachtkraftwerk nicht in einer Dimension vorstellen, wie es übliche Kraftwerksbauten in sich bergen; dass man da riesige Gebäude auf den Betonfundamenten aufbaut. Das ist [eine] sehr überschaubare Angelegenheit. Die Schachtbauwerke selbst sind im Wasser angeordnet, und werden vom Wasser überströmt und von außen fast nicht mehr sichtbar. ms1539 Und auch die Technik mit der Turbine ist im Wasser liegend angeordnet, so dass man im Uferbereich nur so ein scheunenartiges Gebäude sich nur noch vorstellen muss, in dem [man sich] die Elektronik für den Stromtransport oder die Weiterleitung vorstellen muss. ms1608 Aber das Hauptbauwerk ist im Wasser angeordnet und verursacht nicht diese Kosten, die man bei einem herkömmlichen Bauwerk bräuchte. mh1759 Was wäre denn der richtige Begriff für die Reife dieses Vorhabens? ms1834 Wo durchaus noch Forschungsarbeit getätigt werden muss, ist im Bereich der Turbinentechnik, für so Kleinkraftwerke - und an der Loisach kann man das durchaus noch als Kleinkraftwerk bezeichnen - ist die Turbinentechnik der Hersteller noch nicht so ausgereift, dass man sagen kann, für diese Geschichte hat man bereits die passende Turbine. ms1902 Nachdem das Schachtkraftwerk noch nicht auf dem Markt ist, dürfte auch die Turbinentechnik noch nicht ausgereift sein. Deshalb ist hier noch eine gewisse Forschungsarbeit erforderlich. Das Ganze reift im Zuge der Maßnahme und wir hegen eben die Hoffnung, dass die Reifung dann in einem Pilotprojekt an der Loisach in Großweil erfolgt. mh1930 Wenn es gut geht: Haben Sie sich Gedanken über die Amortisation der Anlage gemacht? ms1935 Man macht sich natürlich, wenn man Investitionskosten ansetzt, auch Gedanken über die Amortisation. Wasserkraftwerke sind sehr langlebig, so dass hier von mehreren Jahrzehnten ausgegangen werden kann ... ms1957 Die Amortisationszeit muss man durchaus etwas kürzer sehen. Ich denke, dass wir im Bereich von fünfzehn und zwanzig Jahren durchaus von einer Amortisation ausgehen kann. Und da ist die Funktionsfähigkeit der Anlage noch lange nicht am Ende. mh2016 Wieviel Strom macht sie denn? Kann man das in Beziehung setzen zu dem Strom, den die Gemeinde braucht? ms2022 Hier sind bereits erste Überprüfungen vorgenommen worden. Sprich, man hat die Durchflussmenge der Loisach für Berechnungen herangezogen so dass man sagen kann: Mit einer Anlage an dieser Rauen Rampe können ungefähr 2 bis 2,4 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt werden, was in etwa gleichzusetzen ist mit 600 Vier-Personenhaushalten. Wenn man das für Großweil betrachtet: Wir, mit einer Einwohnerzahl von ungefähr 1450 Personen, wir könnten komplett den Haushaltsstrom der verbraucht wird, durch die Anlage erzeugen und sogar noch Strom ins Netz einspeisen.
So weit Manfred Sporer, Bürgermeister der Gemeinde Großweil am Laufe der Loisach zwischen Murnauer Moos und Kochelsee.
Paul Hardcastle - Desire

Flüsse, Fische und Strom

Strom für Bayern - in vermehrtem Maße erzeugt an künstlichen Stauseen, in Pumpspeicherkraftwerken und Flusskraftwerken? Alles andere als eine Verheißung ist das für den Landesfischereiverband, den Bund Naturschutz und den Landesbund für Vogelschutz. Sie legten ein Faltblatt "Die Wahrheit über die Wasserkraft" auf, und zwar ein gewollt "fieses", mit Bildern von Funden: Ein in zwei Stücke gerissener Aal, ein trockengefallenes Flussbett, ein Fischlein mit massiven Hautläsionen. Ich fragte Renate Schwäricke, Sprecherin des Arbeitskreises Wasser beim Bund Naturschutz, was für Folgen die Nutzung der Wasserkraft für das Leben in Flüssen und Seen hat.
rs0026 Also in Bayern müssten wir nach den Gefälleverhältnissen viele Fische haben, die starke Strömung brauchen, die auf Kies laichen, also die klassischen Fische dieser Quell- und Alpenregion. Und diese Fließgewässer-Fischarten stehen zu 90 Prozent auf der roten Liste. Also das ist die Forelle, die Äsche, [...] Am härtesten trifft die Wasserkraft durch die Querbauwerke die Langdistanzwanderer. Das wäre [in] der Donau der Stör. Der ist bei uns hier eigentlich ausgestorben. Der kommt gar nicht mehr hoch, obwohl die Donau relativ wenige Verbauungen hat. Und in Nordbayern ist das der Aal, der Lachs, der durch den Rhein zuwandern würde und auch da gibt es Probleme. rs0139 Was wir hier finden; wenn man sich wundert: "Aale gibt es doch!" und Forellen. Das sind meist eingesetzte Fische. Die Fischereiverbände setzen ja Fische ein, die sie selber aufziehen. Aber die Fische sind nicht mehr in der Lage, sich selbstreproduzierende Bestände zu bilden. mh0158 Wie hoch ist denn so ein Alpenfluß eigentlich belebt? Da gibt es Lenggries, oben der Sylvensteinspeicher. dann kommt oben noch so kleines Bächlein, was die Isar da ist. rs0218 Je näher man an die Quelle kommt mit hohem Gefälle und ganz viel Strömung, desto weniger Fische sind natürlich da. Aber es sind natürlich andere Organismen da. [..] wir haben bestimmte Fische, die bis in die Quellregion raufgehen. Das ist eben die Forellenregion, nennt man das direkt, die dort auch wegen der Kälte des Wassers, wegen des Sauerstoffreichtums, und wegen der starken Strömung ihre Eier ablegen. Auch weil es dort so viele Nährtiere für ihren Nachwuchs gibt, dorthin wandern müssen. mh0318 Welche Folgen hat denn der Verbau von Flüssen mit Wehren und Wasserkraftwerken? rs0328 Die unmittelbarste Folge ist, die Durchgängigkeit wird behindert. Die Fische können nicht mehr wandern. Aber es hat viele andere Folgen auch noch. Und zwar wird durch den Aufstau, den jede Wasserkraftanlage, und nicht nur jede Wasserkraftanlage, wir haben auch viele Wehre zum Hochwasserschutz, zur Entwässerung, ? Jeder Querverbau bewirkt einen Aufstau und dieser hat massive Folgen auf die physikalischen Eigenschaften. rs0404 Das heißt, das Wasser erwärmt sich. Das Wasser kann dadurch weniger Sauerstoff aufnehmen. Der Fluss verschlammt, die Fließgeschwindigkeit wird herabgesetzt. Dadurch setzen sich feine Bestandteile ab. Und nicht nur bayernweit, sondern in ganz Deutschland ist diese Verschlammung der Gewässer - man nennt es 'Kolmation' - das größte Problem und dieses Problem kann man eigentlich nicht anders als durch eine Wiederherstellung der Durchgängigkeit beheben. mh0435 Also könnte man das so formulieren, dass Sie die Flüsse in dem Zustand wiederhaben wollen, wie sie vor dem Eingreifen von Wasserbauern sich befunden haben? rs0448 Na das wird wohl schwierig sein, weil wir durch die Landnutzung viel zu nahe an die Flüsse und Bäche herangegangen sind. Es wird sicher das eine oder andere Querbauwerk aus Hochwasserschutzgründen erhalten bleiben. Aber, es muss die Durchgängigkeit hergestellt werden, und das herzustellen, kostet natürlich viel Geld. Und es sollten auf keinen Fall neue Querbauwerke hinzukommen. rs0516 Also es muss immer erst der Rückbau geprüft werden, wenn es um ein Querbauwerk geht, damit wir wieder mehr Durchgängigkeit bekommen. mh0527 Was stellt das für einen Fisch dar, so ein Querbauwerk? rs0534 Also ein Fisch wandert innerhalb seines Lebenszyklus in verschiedene Richtungen. Er wird erstmal flussabwärts gedriftet; er ist irgendwo in der Quellregion oder in einem kleinen Gewässer, schlüpft [da] aus seinem Ei. Je größer er wird, in desto größere Gewässer kommt er auch. rs0655 Bei Wasserkraftanlagen ist das Ganze lebensgefährlich. Weil er kann flußabwärts nicht einfach darübergespült werden, sondern kommt in die Turbine, sofern er den Rechen passieren kann. Es sind natürlich Fischschutzanlagen vorgesehen. Allerdings haben die natürlich einen gewissen Rechenabstand und kleinere Fische flutschen da natürlich durch und kommen auf die Art und Weise in der Turbine um oder werden dort verletzt. Und je öfter so ein Fisch eine Turbine passiert, desto höher ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass er das nicht mehr überlebt. mh0730 Gewöhnlich, wenn man bei einem Kraftwerk vorbeikommt, sieht man ja die Fischtreppen und denkt, "Fischtreppe ist ja wunderbar. Dann kann er auf- und abwärts". Ist es denn so? rs0742 Nein, das ist nicht so. Fischtreppen sind größtenteils Alibiveranstaltungen. Es gibt dazu auch Untersuchungen. Die wenigsten dieser Fischtreppen funktionieren. Weil, die Fische sind nicht alle gleich groß, gleich stark, nicht alle gleich alt. Und solche Fischtreppen, gerade wenn man den klassischen Betonschlitzpass vor Augen hat, die sind halt nur auf eine bestimmte Größe von Fischen zugeschnitten. Kleinere Fische können die nicht passieren, größere finden die vielleicht nicht. Und ein ganz wichtiges Problem ist auch die Wasserdotation, das heißt, wieviel Wasser gibt der Turbinenbetreiber ab. [...] Aber die gesetzlichen Anforderungen die hier in Bayern gelten, Die sind absolut nicht ausreichend. Dieser Restwasserleitfaden orientiert sich eher an den ökonomischen Interessen des Betreibers und nicht an den ökologischen, die da notwendig wären.
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Rechtlicher Rahmen für die Wasserkraft

Doch diese Sendestunde befasst sich zumindest mit Kommerz, nicht auf Ätherwellen sondern dem unter den Wellen von Wasser, und zwar denen unserer Flüssen und Seen. In einem weiteren Teil meines Gespräches mit der Umweltpädagogin Renate Schwäricke vom Bund Naturschutz geht es um die rechtliche Situation. Im Jahr 2000 trat die Europäische Wasserrahmen-Richtlinie in Kraft, die dann für die Gesetzgebung der EU-Mitglieder maßgeblich war.
rs0943 Wir hatten große Hoffnungen in die Wasser-Rahmenrichtlinie, die hat nämlich ein verbindlich zu erreichendes Ziel, nämlich die Gewässer bis 2015 in einen guten Zustand zu bringen. Es gibt die Möglichkeit, hier zu verlängern; eigentlich wird nur noch in dem Rahmen gedacht. Also bis 2027 maximal sollen die Gewässer in einem guten Zustand sein. Ansonsten drohen Strafzahlungen der EU; das heißt, dann betrifft es uns alle. Von daher hatten wir große Hoffnungen, dass wirklich was passiert. rs1015 Die Wasserrahmenrichtlinie ist auch umgesetzt worden in deutsches Recht. Das heißt, wir haben ein geändertes Wasserhaushaltsgesetz und auch das bayerische Wassergesetz ist angepasst worden. In Bezug auf die Wasserkraft sind es besonders die Wasserhaushaltsgesetz-Paragrafen 33 bis 35. Danach ist die Durchgängigkeit herzustellen; auch an bestehenden Anlagen. Allerdings hapert es halt am Vollzug. Wir haben zwar dieses Gesetz auf dem Papier und bei Neuanlagen muss es auch berücksichtigt werden. Aber bei Altanlagen wird kein Druck gemacht; wir haben eine beträchtliche Anzahl von Altanlagen, die nicht durchgängig sind, wo wir auch nicht sehen, dass die Betreiber was machen. Weil diese Schaffung von Durchgängigkeit ist halt ein teurer Spaß. mh1118 Zum anderen ist es so, dass die Politik im letzten Jahr die Nutzung der Wasserkraft ausweiten möchte. Das hat zur Konsequenz, dass Sie in einer Arbeitsgruppe sind, die dieses Jahr eingerichtet wurde. An welchen Vorschriften soll sich das niederschlagen? rs1147 Letztendlich geht es darum, eine Art Wasserkrafterlass zu erarbeiten. [...] Diese Arbeitsgruppe ist gemischt zusammengesetzt. Das sind fünf Vertreter der Naturschutzverbände.drin [...] rs1225 Ansonsten sind alle anderen Interessensvertreter dabei, das heißt, auch die Vertreter der Wasserkraft, [...] mh1302 Welche Konsequenzen schätzen Sie, die solch ein Entwurf hat? Wo greift er ein?rs1310 Ja er ist wichtig für den Vollzug. Das heißt, wenn jemand eine Wasserkraftanlage errichten will, dann muss er zu den Behörden und die Behörden brauchen irgendeine Handhabe, wie sie damit umgehen sollen. Und im Augenblick ist es so, dass gerade auf dem Bereich der unteren Naturschutzbehörde man wirklich auch die Biologie der Gewässer sieht und die aktuellen Probleme, die Situation der Gewässer, wie sie jetzt sind. Insofern wird versucht, ein bisschen restriktiv zu sein. rs1341 Das widerspricht jetzt dem politischen Willen und insofern ist unser Bedenken, dass mit diesem Wasserkrafterlass die Situation weiter aufgeweicht werden soll zugunsten einer Erzeugung regenerativer Energie. mh1400 Jetzt könnte man diese Anlagen aufspalten in alte-neue, kleine-große. Es gibt vier Kombinationen. Alte große: Was fordern Sie da? rs1411 Also die Schaffung von Durchgängigkeit sollte wirklich an allen gemacht werden. Man kann davon ausgehen, dass große Anlagen auch wirklich viel Energie produzieren. Wir haben ja schon einen großen Anteil an Wasserkraft in Bayern. Die kommt zu 92 Prozent aus den großen Anlagen. Von 4250 Anlagen sind 250 große und die produzieren 92 Prozent des Wasserkraftstroms. Das heißt, hier wird tatsächlich CO2 eingespart und hier sind auch die Gewinne entsprechend. Und die großen Anlagen sind seit der letzten Novelle des EEG auch gefördert über das EEG. Hier besteht tatsächlich die Möglichkeit, dass tatsächlich eine Durchgängigkeit geschaffen wird. Weil die großen Energieversorger über die Mittel verfügen, da auch was zu machen; und die sind auch gewillt, was zu machen. rs1514 Wir würden zwar neue Anlagen auf jeden Fall ablehnen. Weil wir sagen 'Unsere Gewässer sind zu 90 Prozent ausgebaut'. Wir können einfach nicht mehr. Die Fischpopulationen stehen vor dem Kollaps. Aber wir sagen, wenn die alten großen Anlagen, wenn die durchgängig gemacht werden und wenn die vor allem im Maschinenraum noch modernisiert werden, dann lässt sich die Effizienz der Anlagen steigern. Also es kann mehr Energie produziert werden aus diesen Anlagen. rs01542 Und gleichzeitig kann die Ökologie verbessert werden, indem man Durchgängigkeit schafft. mh1547 Jetzt bleibt einer von den vier Fällen übrig: Das sind die alten kleinen. rs1552 Die alten kleinen sind so das Schlimmste für uns. An dem Zahlenspiel hat man es ja schon gesehen: Es sind ungefähr 4000 Anlagen, die sind klein. Was heißt 'klein'? Wir definieren klein mit unter ein 1 Megawatt Leistung. Diese Anlagen produzieren nur etwa 8 Prozent des Wasserkraftstroms. Das ist etwas, was auch Probleme macht. Das heißt, wir haben ganz viele Querbauwerke, Unterbrechung der Durchgängigkeit, ganz viel Rückstau, verschlammte Bereiche, durch diese Wasserkraftanlagen und nur eine ganz geringe Energieproduktion und dadurch eine vernachlässigbare CO2-Verminderung.

Bedenken gerade gegenüber Kleinwasserkraftwerken

mh1725 Ich wollte weiter zu den Schachtkraftwerken. Wie beurteilen Sie dieses Konzept? rs1740 Also für uns scheint jetzt erstmal die Schachtkraftanlage von der Technologie her eine Verbesserung zu sein. Ich sage 'scheint', weil, was aussteht, sind Fischversuche mit der laufenden Turbine. Im Augenblick wurden Fischversuche nur bei ausgeschalteter Turbine gemacht, von daher sind die für uns überhaupt nicht aussagekräftig. rs1802 Das Schachtkraftwerk ist allerdings aus unserer Sicht gefährlich, weil das Problem ist: Das Schachtkraftwerk ist nicht dafür gemacht ist, an bestehenden Standorten quasi eine Verbesserung zu schaffen, indem eine alte, fischschädliche Anlage ersetzt wird, sondern das soll in bestehende Querverbauungen, also Wehre, eingebaut werden, wo wir sagen, diese Wehre müssen zurückgebaut werden. rs1832 Also man schafft keine Durchgängigkeit, indem man irgendwo noch eine Turbine dazu baut. Und, was noch sehr sehr gefährlich ist: Das Schachtkraftwerk soll ja eine Art Kleinkraftwerk von der Stange sein, billiger als die anderen, weil weniger Verbau im Uferbereich erforderlich ist und es kann viel geringere Gefälle nutzen. rs1858 Wir sind davon ausgegangen, 90 Prozent unserer Gewässer sind ausgebaut. Mit den herkömmlichen Wasserkraftanlagen kann man nicht mehr herausholen, weil keine Strömung mehr da ist. Wir haben so viel Staubereiche zwischendrin, dass sich der Einbau einer herkömmlichen Anlage nicht mehr lohnt; durch dieses Konzept können jetzt aber geringere Fallhöhen, geringere Fließgeschwindigkeit, stark schwankende Abflüsse - alles so Standorte die vorher nicht interessant waren für Wasserkraft, die können jetzt auch noch genutzt werden. mh2025 Am Forschungsinstitut argumentiert man: Man muss die Querungsbauwerke wegen der EU-Richtlinie beseitigen und weiß natürlich: Es kostet was. Das Konzept ist, dass man mit dem Strom, den man kriegt, die Baumaßnahmen bezahlen kann. Was sagen Sie dazu? rs2113 Also Herr Rutschmann wirbt auch damit, dass dadurch dass das fertige Betonteile sind, die in einem Baukastensystem eingebaut werden, dass das viel billiger ist. rs2125 Aber es muss trotzdem Umgehungsgerinne gebaut werden, da kommt man eh nicht daran vorbei. Und für uns ist ein gefahrloser Fischabstieg, das heißt, ohne Turbine, einfach wichtiger, als wenn man jetzt irgendwo eine Turbine reinbaut, dazu ein Umgehungsgerinne. Dann kommen die zwar 'rauf, aber runter geraten sie dann doch wieder in die Turbine. mh2147 Was würden Sie sich vorstellen, wie es mit dem Konzept weitergeht? Soll man das Wagnis eingehen, ein mittelgroßes oder großes Bauwerk abzureißen und da diese Technik auszuprobieren. Weil sonst würde das ja ein Schlussstrich sein für das Konzept. rs2205 Nein, man könnte das an bestehende Standorte einbauen. Das heißt, auch diese Pilotanlagen, das fordern wir, sollten nicht an bestehenden Querbauwerken eingebaut werden. Das ist nämlich eine ziemlich gefährliche Forderung: Kleines Zahlenbeispiel: Wir haben in Bayern an die 60000 Querbauwerke. Die Regierung hat Bestandsaufnahme gemacht von den Gewässern, [...] dann hätten wir noch ein Potential von 56000 Wasserkraftanlagen. Also das ist einfach gefährlich zu sagen, wir bauen die an bestehende Querbauwerke. Da kann so viel Schaden genommen werden dass auch die letzten zehn Prozent Fließgewässer-Fischarten, die wir noch haben; denen der Garaus gemacht wird.
Renate Schwäricke vom Bund Naturschutz erwartet in Bezug auf die Gewässer nichts Gutes vom aktuellen energiepolitischen Kurs der Staatsregierung.
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Paul Hardcastle - Desire

Technische Merkmale eines Schachtkraftwerks

Im letzten Teil dieser Sendung kommt der Leiter des Forschungsbereichs Wasserkraft der TU München, Albert Sepp zu Wort. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie fundiert sind die Vorbehalte, wie berechtigt ist Kritik gegen neue kleine Wasserkraftwerke, speziell dem von ihm entwickelten Typ des Schachtkraftwerks. Wie anfangs gehört, wäre bei Großweil im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ein geplanter Standort. Bei konventionellen Kraftwerken wird das zur Stromerzeugung gebrauchte Wasser in einen Seitenkanal abgeführt, vom Fluss bleibt Umweltschützern zufolge oft nur ein klägliches Rinnsal. Einen abgezweigten Kanal gibt es zwar beim Schachtkraftwerk nicht, denn es sitzt selbst unterirdisch vor einer Stufe im Flusslauf. Dennoch die Frage an Albert Sepp: Wieviel Loisachwasser soll die beiden Turbine passieren, was wird den Wasserlebewesen zugestanden, die seitlich des Kraftwerks nass flussaufwärts wollen?
as0449 Das Kraftwerk ist ausgelegt auf einen bestimmten Abfluss, der sogenannte Ausbauabfluss und der beträgt bei diesem Kraftwerk 22 Kubikmeter, der mittlere Abfluss der Loisach liegt etwa bei 23 Kubikmeter. Zukünftig bei einem Kraftwerksbetrieb wird es so sein, dass es einen Sockelabfluss gibt, der grundsätzlich eingehalten werden muss. Das heißt, der Abfluss für die Fischaufstiegsanlage, der konstante Abfluss für die Mühlbachableitung, der konstante Abfluss über den Schlauch für die Bewässerung der Rampe und der Abfluss über den linksseitigen Fischaufstieg, der wird grundsätzlich abgegeben. Das ist der Sockelabfluss. as0538 Erst der weitere Abfluss darf energetisch genutzt werden und das ist auch diese ökologische Komponente bei diesem Kraftwerkstyp, dass die Ökologie sozusagen Vorfahrt hat vor der Energieerzeugung. mh0554 Wieviele Kubikmeter ist denn dieser Sockelabfluß? Pro Sekunde misst man das ja. as0058 [...] Für den Mühlbach haben wir konstant 300 Liter pro Sekunde. Die Fischabstiege 0,6 bzw. 0,1 Kubikmeter pro Sekunde, das Schlauchwehr einen Kubikmeter pro Sekunde und der Fischabstieg in der Größenordnung von 0,5 bis 0,8 Kubikmeter pro Sekunde. mh0627 Das Herzstück des Kraftwerks ist eine Turbine. Dive-Turbine. Die hat einen Umweltpreis gekriegt. Jetzt wird kritisiert, man hätte ihr einen Umweltpreis verliehen, aber die Turbinenmechanik, wie die Fische das vertragen, sei nicht relevant gewesen für das ganze. as0657 Zu dem Umweltpreis kann ich mich nicht äußern. Es kommt auch nicht diese Dive-Turbine rein, sondern es kommt eine Tauchturbine rein, die eine horizontale Anordnung hat. So ist es vorgesehen. Aber letztendlich entscheidet das der Bauherr, die Gemeindewerke Garmisch-Partenkirchen. [...] as0737 Der Fischschutz in der Abwärtsbewegung besteht ja in dem Feinrechen. Das heißt, der Rechenabstand ist sehr klein, kleiner gleich 2 Zentimeter, Es liegt eine sehr geringe Fließgeschwindigkeit in der Rechenebene vor, das heißt, die Fische werden nicht an den Rechen gedrückt und es ist ja diese Abstiegsvorrichtung, das heißt, es gibt einen hydraulischen Verbindungsweg zwischen Ober- und Unterwasser und zwar direkt im Einlaufbereich. mh0912 Also sie sagen, beim inneren Bau so einer Turbine ist für die Fische jetzt nichts mehr zu berücksichtigen. as0921 Die Fische werden nicht in die Turbine eingesogen, sondern sie können über die Verschlussebene, da sind Abstiegsfenster eingebaut, ins Unterwasser absteigen. mh0932 Wie ist das mit ganz kleinen. Weiß man, dass die das vertragen? as0939 Die kleinen Fische, die durch den Rechen kommen, das mag eine Möglichkeit sein, dass die Kleinstfische durch den Rechen kommen. Da gibt es noch keine Untersuchungen, auch keine Erfahrungswerte. Aber wenn sie diesen Weg eingehen, kann kommen sie in die Schachtkammer und würden in dem Fall möglicherweise über den Mühlbach absteigen können, der mit einem Rohr verbunden ist, der auch eine kontrollierte Ablaufleitung hat. Unter Umständen gehen sie dann auch über die Turbine ins Unterwasser ab. as1022 Was dann passiert in dem Fall, das kann man nicht genau sagen, da gibt es natürlich gewisse Erfahrungswerte, wie die Schädigungsrate bei diesen Kleinstturbinen ist, das ist abhängig von der Drehzahl, vom Laufraddurchmesser, von der Laufradschaufel [...] mh1142 Was hat denn die für eine Umdrehungszahl? as1146 Das hängt ab vom Hersteller. Wir haben jetzt da zwei Hersteller die ähnlich Typen entwickeln die vollständig unter Wasser angeordnet werden können inklusive Generator, die drehzahlgeregelt sind. Da muss man jetzt wirklich beim Hersteller diese Eigenschaften abfragen, auf jeden Fall sind die drehzahlgeregelt. Wenn der Abfluss größer wird, wird auch die Drehzahl vergrößert werden. mh1215 Ja in welchem Bereich liegt die denn? as1225 Ja es gibt so viele Daten, ich habe jetzt nicht alle im Kopf, tut mir leid.
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Untersuchungen zu den Auswirkungen auf die Fischwelt

Oberhalb des Walchensees unterhält die TU München ein Institut das sich Fragen des Wasserbaus und der Wasserkraftsnutzung widmet. Dort habe ich, Markus Hiereth, mit Albert Sepp gesprochen. Er hatte 2008 die Idee für ein kompaktes, kleines Wasserkraftwerk. Hier wurden Berechnungen durchgeführt, Modelle gebaut und erprobt. Entscheidend für das Nebeneinander von Stromerzeugung und Leben im Wasser ist die Komponente, die beides auseinanderhält, der Rechen; etwa, wie er gegenüber der Strömung ausgerichtet ist und schnell diese ist. Kraftwerksentwickler Albert Sepp dazu, welche Besonderheiten sein Schachtwasserkraftwerk hier aufweist.
as1643 Die relevanten Größen sind die Fläche und die Überdeckung, das heißt, das ist der Wasserkörper, der über dem Rechen ist. as1707 Wir müssen und können dieses Einlaufbauwerk so dimensionieren, dass wir eine homogene Geschwindigkeitsverteilung in der Rechenebene erzielen. Also die Fische müssen sich frei über dem Rechen bewegen können, sie müssen von dieser Einlauffläche wegschwimmen können, damit sie auch, wenn sie absteigen wollen, diesen Abwanderungskorridor, die Abstiegsfenster ins Unterwasser finden. Diese Abstiegsfenster sind unmittelbar am Ende der Einlauffläche in der Verschlussebene eingebracht. mh1759 Was treten da für Wasser-Geschwindigkeiten auf? as1801 Die Fließgeschwindigkeiten sind maximal bei 0,4 Meter pro Sekunde. mh1814 Das ist schneller als der Fisch schwimmen kann. as1823 Nein, der Fisch kann durchaus diese Geschwindigkeiten aus eigener Kraft überwinden. Die Fließgeschwindigkeit in der Loisach ist im Mittel deutlich höher, liegt bei einskommennochwas Meter pro Sekunde, da gibt es größere und kleinere Geschwindigkeitsfelder. Die Fische, die in der Loisach vorhanden sind, sind durchaus in der Lage, deutlich größere Fließgeschwindigkeiten zu überwinden. Wobei man natürlich immer berücksichtigen muss, dass diese Kräfte nur kurzzeitig eingesetzt werden können, die Fische brauchen auch Bereiche, wo sie sich erholen können. mh3300 Bei den Versuchen, die Sie hier in Obernach mit Fischen angestellt haben, da ging es darum: Werden die Fische in den Rechen reingesogen. Das hängt natürlich von dem wirklichen Durchfluss ab. Was haben Sie für einen Durchfluss gehabt, in dem Versuch war ja unten keine laufende Turbine wie in dem Betrieb. as3344 Also der Durchfluss war naturähnlich. Wir haben also Geschwindigkeiten gehabt zwischen 0,3 und 0,4 Meter pro Sekunde. Der Durchfluss wurde als Grundablass gefahren. Wir haben eine Öffnung in der Schachtwand gehabt, unten, die den Durchfluss an das Unterwasser weitergegeben hat. Damit wir ähnliche hydraulische Bedingungen haben im Einlaufbereich. Das ist natürlich die Voraussetzung, wenn man einen Fischabstiegsversuch macht. Wir haben auch die Verschlussebene mit diesen Abstiegsfenstern ausgestattet, mit der geringfügigen Überströmung über den Verschluss, die absolut natürlich den hydraulischen Zustand in der Natur darstellt. as3409 Wir haben bedauert, dass keine Turbine eingesetzt war. Das war natürlich unser erster Ansatz, aber diese Turbine von der Firma Feller ist ja leider nicht geliefert worden, das war das Problem. mh3430 Das heißt, Sie haben in das ablaufende System eine Barriere eingebaut, die den Durchfluss in der Größenordnung drosselt, wie man es dann bei Turbine hätte. mh1907 Wie weit sind die Stäbe auseinander; wie dick muss der Fisch sein, dass er auf keinen Fall durchkommt? as1913 Also zwei Zentimeter ist der vorgesehene Stababstand. mh1915 Könnte man ihn kleiner machen oder hat man dann schon einen zu großen Fließwiderstand? as1920 Der Fließwiderstand ist nicht allzu groß, weil wir ja kleine Fließgeschwindigkeiten haben mit 0,4 Meter pro Sekunde. Zum Vergleich: Konventionelle Wasserkraftanlagen haben 1 m/s und der Fließwiderstand nimmt ja im Quadrat der Geschwindigkeit zu, deshalb sind wir hier bei sehr kleinen Verlusten. Man könnte natürlich den Abstand noch verkleinern, aber irgendwo ist eine Grenze erreicht. Weil man muss auch Rechenreinigungsvorgänge durchführen und man weiß aus anderen Techniken, beispielsweise bei der Abwasserreinigung, dass dieser Aufwand für die Rechenreinigung sehr stark abhängig wird, irgendwann ist Grenze gesetzt. mh2009 Welche Fischarten haben Sie berücksichtigt? Meinen Sie, dass das ausreichend ist? as2014 Wir haben drei Fischarten untersucht, das waren Aitel, Barben und Forellen in verschiedenen Größen von 12 bis 65 Zentimeter und wir haben das Ganze von Fachleuten überprüfen lassen und haben das den Fischereifachleuten vorgestellt und die Aussagen zu unseren Versuchsergebnissen waren da sehr positiv. as2048 Die haben also festgestellt, dass dieses Abstiegskonzept wirklich funktionsfähig ist. Man muss natürlich standortabhängig immer diese Dimensionierung vornehmen. Im Flachland, wenn die Fische sich in Gewässern aufhalten, die kleinere Fließgeschwindigkeiten haben, dann muss man unter Umständen die Einlauffläche anders dimensionieren. mh2112 Sie meinen, wenn man jetzt Fische hat, die nicht auf das Tempo getrimmt sind wie bei einem Gebirgsfluss? as2121 Genau, dann muss man das alles von der Dimensionierung her anpassen und es ist auch bei uns vorgesehen, dass wir andere Fischarten untersuchen und dieses Forschungsvorhaben wird ja auch weitergeführt und wird auch, so ist es geplant, an diesem Standort, wenn er ausgeführt ist, da gibt es also wissenschaftliche Begleituntersuchungen, die auch diesen Fischschutz beinhalten. mh2143 Also in Großweil würde man noch untersuchen, "Was macht die Elritze, was macht die Groppe"? as2147 Was machen die Fische, die hier vorkommen? Wir werden da auch Unterwasserkameras einsetzen im Bereich des Einlaufes; wollen das natürlich dokumentieren. Es ist eine Erstanlage und da gehen wir auch davon aus, dass wir entsprechende Erfahrungen sammeln werden. Nicht nur vom Fischschutz, sondern auch von den Betriebstechniken. Von der Rechenreinigung, Geschiebeabführung, Hochwasserabführung, und, und, und. Diese Dinge sind natürlich zu untersuchen und dann letztendlich bei den anderen Anlagen die Ergebnisse zu übernehmen oder zu optimieren.
mh2227 Die Fischspezialisten bringen vor, dass man bei verschiedenen Wassertemperaturen Untersuchungen bräuchte, bei verschiedenen Jahreszeiten. Meinen Sie, das abgedeckt zu haben? as2242 Ich kann die Frage nach der Wassertemperatur nicht ganz nachvollziehen, weil wir ändern mit diesem Kraftwerkssystem nicht die bestehenden Verhältnisse; wir verändern nicht die Wassertemperatur [...] mh2315 Das mit der Temperatur kann ich nachvollziehen, weil die wechselwarm sind. Ich weiß nur nicht, ob die zwei, drei Grad viel bezüglich der Vitalität ausmachen. Ob sie vielleicht nah am Gefrierpunkt passiv sind und wirklich gedrückt werden von den Strömungen. as2336 Das kann ich nicht ganz nachvollziehen, weil auch bei niedrigen Temperaturen in der Natur die Fließgeschwindigkeiten heterogen sind. Die Fische müssen sich ja auch bei kalten Jahreszeiten da anpassen. Da ändert auch das Kraftwerk nichts an dem Verhalten der Fische. as2402 Es gibt bestimmte Jahreszeiten, wo die Abwärtswanderung verstärkt ist. Es ist ja bekannt, dass das bei Aalen im Spätherbst beginnt, bei anderen Fischen gibt es andere Zeiträume. as2429 Wir ändern mit diesem System nichts, wenn wir mit einem Kraftwerkeinlauf - gerade im Winter sind ja die Fließgeschwindigkeiten nochmal erheblich kleiner - also wenn wir statt 22 Kubikmeter nur fünf oder sechs Kubikmeter energetisch nutzen können, hat man ja viel kleinere Abflüsse, dann sind die Fließgeschwindigkeiten nur noch ein Bruchteil, sind vielleicht bei 0,1 oder 0,2 m/s. as2455 Also hier ist ja auch eine gewisse Dynamik vorhanden. Was wir haben, sind maximale Geschwindigkeiten beim Ausbauabfluss.

Wirtschaftlichkeit und Bezuschussung der Wasserkraft

mh2505 Jetzt zur Wirtschaftlichkeit. Es ist zwar jetzt ein Pilotprojekt. zwar ein Pilotprojekt. Aber es gibt durchaus schon Kritik, dass über das EEG die Wasserkraft übergefördert wird. Welche Rolle spielt der Kilowattstundenpreis, der jetzt bei 13 Cent pro Kilowattstunde liegt, für die Technologie, die Sie einführen möchten? as2535 Ja diese Einspeisevergütung, die diktiert letztendlich die Amortisationszeit einer Anlage. Man muss hier vielleicht unterscheiden. Im Vergleich zu anderen regenerativen Energietechniken hat die Wasserkraft eine sehr lange Lebensdauer. Das Walchenseekraftwerk ist seit zirka 90 Jahren in Betrieb und ist nach wie vor mit voller Leistungsfähigkeit. Wenn man vergleicht: Windkraftanlagen haben eine Lebensdauer auf Land von zirka 20 Jahren, Offshore-Anlagen etwa zehn Jahre. Fotovoltaikanlagen 20 bis 30 Jahre, dann haben sie einen erheblichen Leistungseinbruch. Bei der Wasserkraft ist das eine andere Situation. as2622 Deshalb ist Wasserkraft eine Investition für künftige Generationen, das muss man deutlich sagen. Wasserkraftanlagen sind auch teuer. Also die Kosten pro Leistungseinheit sind relativ hoch. as2635 Die Förderung der Kleinwasserkraft wird nur dann gewährleistet, wenn man wirklich diese ökologische Einbindung erfüllen kann, das heißt mittlerweile, was im Wasserhaushaltsgesetz auch vorgegeben ist, das ist dieser Fischschutz, dieser Populationsschutz, der muss gewährleistet werden und andere Dinge mehr. Also sie müssen bei einer heutigen Wasserkraftnutzung auch den guten ökologischen Zustand erreichen. Sie dürfen keine ökologiche Verschlechterung durchführen. Bei Standorten, die keinen guten Zustand haben, einen erreichen. as2722 Das heißt also, wenn Sie Wasserkraft nutzen, müssen sie ökologische Verbesserungen durchführen. Im Gegensatz zu den anderen Energietechniken, denkt man nur einmal an nachwachsenden Rohstoffe: Monokulturen, Pestizide und sonstige negative Umwelteinflüsse, die sind erlaubt. Bei der Windkraft gibt es ja auch gewisse Nachteile. Die Wasserkraft hat hier tatsächlich schwere Hürden zu erfüllen. as2749 Und deshalb ist es nach meiner Meinung nicht ganz nachvollziehbar, dass man die Kritik insbesondere bei den neuen Wasserkraftanlagen ansetzt. Weil diese neuen Anlagen müssen diese Forderungen erfüllen. Man kann natürlich alte Wasserkraftanlagen kritisieren, die für fünfzig oder hundert Jahren gebaut worden sind. Damals hatte man andere Ansätze, es gab im Prinzip überhaupt keine ökologischen Komponenten. mh3230 Sie sind Erfinder eigentlich dieses Konzepts. In einem Ihrer Informationsblätter steht dann drin, dass es eine Patentallianz gibt. Wie kommt es dazu, wenn man etwas erfunden hat? as3307 Es ist die bayerische Patentallianz, die Sie meinen. Also wenn man eine Erfindung hat, wird das über die Patentallianz angemeldet. Patentinhaber ist in dem Fall die TU München.

Sendungsabschluss

Auf Papier haben Albert Sepp, Techniker und Studierende der TU München ihr Schachtwasserkraftwerk in die Welt gesetzt. Im Maßstab 1:5 können sie auch das blaugrüngraue Obernach-Wasser durchrauschen lassen. Die Entscheidung über eine erste Errichtung außerhalb der Versuchsanstalt steht an. Wo und wie Technik und Natur zusammenkommen, ist eine offene und meines Erachtens spannende Frage. Als Redakteur am Mikrofon verabschiedet sich Markus Hiereth.